DIE ZEIT: Assads Hölle

DIE ZEIT, Nr. 8, 16.02.2017
[06.03.2017] Assads Hölle
Diab Serrih war Häftling im syrischen Foltergefängnis Saidnaja. “Es fehlen eigentlich nur noch die Gaskammern”, sagt er. Und fragt sich: Warum tut die Welt nichts?
Von Mohmed Amjahid

Link  http://www.zeit.de/2017/08/syrien-krieg-baschar-al-assad-folter-kriegsverbrechen

“Für die meisten Syrer ist das Wort Saidnaja ein Synonym für Folter und Tod. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat vor Kurzem Verbrechen dokumentiert, die in diesem Foltergefängnis bei Damaskus im Auftrag des Assad-Regimes begangen wurden und werden. Zwischen den Jahren 2011 und 2015 sollen dort bis zu 13.000 Menschen gehängt worden sein – noch mehr dürften an Hunger, Krankheiten oder schlichter Verzweiflung gestorben sein. Der Syrer Diab Serrih hat fünf Jahre in Saidnaja verbracht. Im Gespräch mit der ZEIT berichtet er von den dortigen Zuständen. …
ZEIT: Sie kamen 2006 in eine Einzelzelle.
Serrih: Sie war einen Meter breit und 180 Zentimeter lang. Es gab kein Tageslicht, kein Fenster, keinen Strom, es roch nach Fäkalien und Blut. Mitten in der Zelle gab es ein Loch, das war die Toilette. Wegen des Gestanks bekam ich zunächst keine Luft. Fünf Jahre habe ich dort verbracht. Zunächst war ich alleine, nach eineinhalb Monaten habe ich einen Zellengenossen bekommen. Im Jahr 2011, nachdem die Revolution anfing, waren wir zu neunt: Wir haben uns abgewechselt, jede zweite Stunde durfte einer liegen, die anderen mussten an der Wand stehen. Kam einer der Wärter rein und fand einen von uns liegend auf dem Boden, wurde derjenige mit Tritten bestraft. …
ZEIT: Donald Trump könnte in Syrien mit Wladimir Putin gemeinsame Sache machen. Die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen möchte mit dem syrischen Diktator Baschar al-Assad verhandeln. AfD-Politiker bezeichnen Baschar al-Assad als “nützlichen Partner im Kampf gegen den Terror” und sprechen von friedlichen und sicheren Zonen in Syrien. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Serrih: Vor allem stellt sich hier eine Frage: Was muss denn noch geschehen? Assad hat Chemiewaffen gegen Zivilisten eingesetzt. Er lässt ganze Städte mit Fassbomben vernichten. Er hat einen totalitären, terroristischen Staat aufgebaut. Der Westen hat “die Befreiung” der antiken Stadt Palmyra gefeiert, als die Dschihadisten im April 2016 von Assad-Truppen “vertrieben wurden”. Doch das Foltergefängnis Tadmur bei Palmyra in der Wüste kann man getrost als Konzentrationslager bezeichnen. Das, was ich in Saidnaja erlebt, gesehen, gerochen, gespürt habe, so stelle ich mir ein Auschwitz im 21. Jahrhundert vor. Es fehlen eigentlich nur noch die Gaskammern. Es wird peinlich genau Buch geführt, wer wann wie exekutiert wird unter dem Assad-Regime. Ganze Gruppen sollen aufgrund ihrer politischen Auffassungen oder als Minderheit ausgerottet werden. Es ist schwierig, das zu hören, ich weiß, aber das systematisierte Morden in Syrien, wie soll ich es sonst einordnen, damit die Menschen im Westen endlich kapieren, was da mit uns geschieht? Ich denke manchmal an meine Zeit im Gefängnis zurück und kann es kaum fassen, dass wir noch über Verhandlungen mit Assad diskutieren. …”

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