Die Zeit: Integration – Ihr habt alle Chancen!

[31.10.2017] DIE ZEIT, Nr. 42, 11.10.2017
Integration – Ihr habt alle Chancen!
Fünf Jahre lang saß Murat Kurnaz im Lager Guantánamo, heute ist er Sozialarbeiter in Bremen. Mit einem Appell wendet er sich an Migrantenkinder, wie er selbst eines war – und an junge Flüchtlinge.
Von Murat Kurnaz

Link  http://www.zeit.de/2017/42/integration-guantanamo-sozialarbeit-fluechtlinge

“Ich treffe häufiger mal Jungs, deren größtes Ziel es ist, reich zu werden. Die damit prahlen, Drogen verkaufen zu wollen oder die Mafia toll zu finden. Alter, sagen sie: Alles, bloß kein Opfer.

Ich hol dann mein Smartphone raus und zeige ihnen YouTube-Videos, Knastalltag in der JVA Tegel. Guckt mal, das war auch ein ganz Harter. Ist das euer Traum? Ihr werdet nicht reich. Ihr kriegt keinen Porsche. Da landet ihr, schaut es euch genau an.

Ihr habt zwei Möglichkeiten, sage ich: Ihr macht euch das Leben selber kaputt. Oder ihr integriert euch, verdammt noch mal!
Ich darf das sagen. Ich habe Erfahrung mit Integration. Genauer: mit Re-Integration.

Sie erinnern sich bestimmt an mich. Ich bin der aus Guantánamo. Der Bremer Türke. Der, der diesen irren Vollbart hatte, als er nach fünf Jahren rauskam.

… Ich halte heute Vorträge im Auftrag von Menschenrechtsorganisationen. Aber vor allem arbeite ich als Sozialarbeiter mit Jugendlichen. Als Kultur- und Sprachvermittler, so heißt das. Ich gehe in Bremer Flüchtlingsheime und unterrichte an Bremer Schulen sogenannte Vorschulklassen, in denen die Jugendlichen Deutsch lernen, ehe sie in die regulären Klassen kommen.

Die Flüchtlinge sind zwischen zehn und 17 Jahre alt. Ich spreche mit ihnen all meine sechs Sprachen: Deutsch, Türkisch, Arabisch, Englisch, Usbekisch und Farsi (die meisten habe ich von Mitgefangenen in Guantánamo gelernt).
… Erst in der Schule habe ich begriffen, dass ich anders war: ein Ausländerkind. Und trotzdem hatte ich immer das Gefühl, ich gehöre dazu.

Ich weiß, dass die arabisch- und türkischstämmigen Jugendlichen das heute oft anders empfinden.

… Ich habe mich eigentlich nie für Politik interessiert. Erst durch Guantánamo wurde das anders. Wegen unserer rot-grünen Regierung saß ich ein paar Jahre länger in Haft als nötig. Ich war unschuldig, das wussten sie, doch viele in Deutschland hatten damals Angst vor mir. Erst Angela Merkel hat mich herausgeholt, als letzten Europäer.

… Seit mein Buch über Guantánamo in zwölf Sprachen übersetzt wurde, reise ich für Lesungen und Vorträge viel in der Welt herum. Und sehr oft wird mir auf diesen Reisen vor allem eines klar: Ich lebe im wahrscheinlich freiesten Land dieser Erde.”

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