DIE ZEIT: Glyphosat – Ein Gift mit Zukunft …

[24.10.2017] DIE ZEIT, Nr. 43, 19.10.2017
Glyphosat – Ein Gift mit Zukunft …
… oder kommt das Aus für Glyphosat in der Landwirtschaft? Die EU muss bald entscheiden – der Streit spitzt sich zu.
Von Christiane Grefe

Link  http://www.zeit.de/2017/43/glyphosat-landwirtschaft-eu-herbizid-verbot

“… Der EU-Abgeordnete Alojz Peterle war nicht allein mit seiner Ratlosigkeit. Letzte Woche saß der Slowene in einem Hearing, das die Ausschüsse für Landwirtschaft und Umwelt anberaumt hatten. Beide Parlamentsgremien wollten endlich Klarheit gewinnen: Ist das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat nun riskant für die Gesundheit oder nicht? Doch nach der Expertenbefragung fühlten sich viele Volksvertreter kaum klüger. …
Eine Europäische Bürgerinitiative mit 1,3 Millionen Unterzeichnern fordert ein Glyphosat-Verbot. Für diesen Fall drohen die Hersteller im Gegenzug mit Klagen. Seit zwei Jahren währt der Konflikt nun schon, begleitet von Medienberichten über Krebsopfer, insektenfreie Ackerfluren und Verflechtungen zwischen Wissenschaft und Industrie. …
Zwar misstrauen Umweltschützer diesen Versprechungen von Anfang an, doch so richtig eskaliert die Debatte erst im Sommer 2015. Da brandmarkt die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) das Totalherbizid als “wahrscheinlich krebserregend” – und stellt sich damit in Widerspruch zu einer Unbedenklichkeitserklärung, die das deutsche Bundesamt für Risikobewertung (BfR) ausgestellt hat. Dessen Prüfer sollten eine Faktengrundlage für die fällige neue Genehmigung liefern. Ihrem entlastenden Votum schloss sich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) an. Seither streiten Wissenschaftler und Politiker erbittert, ob der Daumen für Glyphosat hoch- oder runtergehen soll. …

Die gewichtigste Grundlage bei der Bewertung eines Wirkstoffs sind die Tests und Studien der Hersteller – Unabhängigkeit sieht anders aus.
Diese Konstellation hat einen Grund: Nicht der Steuerzahler soll für die Kosten der Risikobewertung aufkommen, sondern das Unternehmen, das künftig an einem Wirkstoff verdient. Natürlich prüfen die offiziellen Stellen die Angaben der Firmen, lesen unabhängige Studien, organisieren Anhörungen. Aber Teile der Industriedossiers bleiben aus Wettbewerbsgründen auch in den Schubladen – mit der Folge, dass vieles nicht kritisch zu hinterfragen ist. …
Außerdem hat es – auch wenn die Gesundheitsgefahren die Schlagzeilen bestimmen – noch viele andere klar belegte Nebenwirkungen.

Zum Beispiel für die Vielfalt der Arten. Glyphosat-Äcker wirken kahl wie reingewischte Küchenfußböden. Wo sämtliche Störenfriede vernichtet werden, wächst buchstäblich kein Gras mehr. Vielen Bodenlebewesen, Insekten und Vögeln fehlen dadurch Nahrungsquellen und Lebensräume. In einigen Regionen der USA hat das Breitbandherbizid zudem Resistenzen bei “Superunkräutern” bewirkt. …

Zehn weitere Jahre für das Totalherbizid: Mit diesem Vorschlag will EU-Kommissar Andriukaitis kommende Woche in die Abstimmung gehen. …
Sollte Andriukaitis mit seinem Vorschlag scheitern, würde er vermutlich in der nächsten Verhandlungsrunde die Dauer der Genehmigung für Glyphosat verkürzen und strengere Auflagen für den Einsatz anbieten. Auf so einen Kompromiss dürften Frankreich und Italien einschwenken. Gäbe es Ende des Jahres noch immer keine Einigung, müsste die EU-Kommission ein Machtwort sprechen. Diesen Schwarzen Peter werde er jedoch nicht annehmen: So macht Andriukaitis den EU-Staaten Druck. Doch auch Nichthandeln wäre dann eine Entscheidung: In dem Fall liefe die Genehmigung einfach aus.”

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