DIE ZEIT: Matthieu Ricard – “Man muss nicht leiden, um altruistisch zu sein”

[02.11.2017] DIE ZEIT, Nr. 44, 26.10.2017
Matthieu Ricard – “Man muss nicht leiden, um altruistisch zu sein”
Der französische Buddhist Matthieu Ricard verteidigt seine These, dass mehr Altruismus die Welt retten kann.
Interview: Uwe Jean Heuser

Link  http://www.zeit.de/2017/44/matthieu-ricard-ltruismus-buddhist

“… “Das Stichwort ist ‘kulturelle Evolution'”
ZEIT: Wie sorgen wir dann dafür, dass die richtige Form der Meditation angewandt wird?

Ricard: Zuallererst muss sichergestellt sein, dass Meditation jederzeit eine mitfühlende Komponente hat.

ZEIT: Auch Ökonomen finden heute in ihren Experimenten mitfühlendes Verhalten. Aber in ihrem Denken muss man dafür einen möglichen Gewinn abgeben oder einbüßen. Erst das Zahlen ist der Beweis für wahren Altruismus.

Ricard: Doch dahinter steht auch bei Ökonomen die Idee, dass es durch altruistisches Handeln auf Dauer allen besser geht. Wir brauchen einfach mehr gegenseitige Hilfe auf der Welt. Schauen Sie nur aufs Klima: Mit 250 Millionen Klimaflüchtlingen auf der Welt verlieren am Ende alle. Vor allem unsere Kinder. …
ZEIT: Aber wie kommen Sie von der persönlichen Veränderung des Einzelnen zu einer anderen Gesellschaft? Auf der einen Seite stehen Personen, die sich wandeln, auf der anderen Seite jedoch Institutionen, Gesetze, Politik.

Ricard: Das Stichwort ist “kulturelle Evolution”. Aus kleinen Anstößen werden Bewegungen, die alles in der Gesellschaft verändern. Das geschieht doch immerfort. Warum nicht auch in Richtung einer schlichteren Lebensweise? Wir bezweifeln das nur immer, weil die Veränderung relativ langsam abläuft. Selbst wenn alle sagen, das sei eine tolle Idee, ihre Zeit sei gekommen, dann dauert der kulturelle Wandel immer noch 20 oder 30 Jahre. …

Ricard: … Gleichzeitig aber gibt es einen Trend zu mehr Narzissmus.

ZEIT: Die Selbstverliebtheit des Menschen.

Ricard: Schauen Sie sich die Wahl in den USA an und ihre Folgen. Das ist der Gipfel von 30 Jahren zunehmendem Narzissmus und der dummen Art, wie die Bildung in Amerika die Idee der Selbstinszenierung vorantrieb. Aber auch international ist es wie eine Epidemie. Studien zeigen sogar Wachstum in Regionen wie Skandinavien, die einen geringen Narzissmus-Faktor haben. Man sieht an Donald Trump und Co., wohin das führen kann. Wenn diese Haltung die Welt regiert, sieht es schlecht für uns aus. …

ZEIT: In welchen Gesellschaften herrscht denn heute ein hohes Maß an Altruismus?

Ricard: Nicht in einem Land, aber doch vielerorts in der Zivilgesellschaft. Schauen Sie auf die ungezählten Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die es früher nicht gab. Die stellen eine echte Revolution dar. “

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